Rede von Ministerin Irene Alt

 

 

Sehr geehrte Frau Dr. Bosse,

sehr geehrte Frau Engelhardt,

sehr geehrter Herr Arldt,

sehr geehrte Damen und Herren Referentinnen und Referenten,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte Sie sehr herzlich zur zweiten Interdisziplinären

Trauma-Fachtagung hier im Schloss Waldthausen begrüßen.

Traumata können Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen erleiden. Da sind Kriege zu nennen, Naturkatastrophen oder etwa Autounfälle. Nach wie vor fällt es uns aber schwer zu glauben und zu verstehen, dass es auch viele Erwachsene und Kinder gibt, die bewusst traumatisiert werden.

Die erste Interdisziplinären Fachtagung 2012 unter dem Titel "Gewalt macht sprachlos" hat untersucht, was Traumatisierung bedeutet und was sie mit den Gehirnen und Körpern der Opfer macht.

Fragen waren dabei etwa:

  • Wie können Opfer in die Lage versetzt werden, sich Hilfe zu holen, trotz großer Abhängigkeiten vom Gewalttäter?

  • Oder welche Hürden sind zu überwinden – auch in den Köpfen von Fachleuten – damit Betroffene sich Unterstützung sichern können?

 

Diese erste Interdisziplinäre Fachtagung vor zwei Jahren traf auf großes Interesse und Zustimmung. Ich freue mich sehr, dass auch die zweite Trauma-Fachtagung auf solch große Resonanz gestoßen ist.

Die heutige Fachtagung nimmt extreme Formen der Traumatisierung in den Blick, also zum Beispiel Traumatisierungen durch ritualisierte Gewalt und organisierte Pädokriminalität.

Die Täter in diesen Bereichen traumatisieren bewusst Erwachsene und Kinder, um sie sich gefügig zu machen.

Sie traumatisieren die Opfer dabei in ritualisierter Form – etwa in satanistischen Ritualen, die mit sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung verbunden sein können. Dabei haben sich Parallelen gezeigt zu Misshandlungen und sexuellem Missbrauch in geschlossenen Institutionen, wie Heimen. Die große Macht des Gewalttäters erklärt, warum die Opfer erst viele Jahre später den Mut haben, über das erlittene Unrecht zu sprechen oder die Schuldigen anzuzeigen.

Frau Dr. Bosse ist es zu verdanken, dass wir heute über ritualisierte Gewalt besser Bescheid wissen. Mit ihrer Untersuchung aus dem Jahr 2007 hat sie uns die Augen darüber geöffnet, dass es ritualisierte Gewalt auch in Rheinland-Pfalz gibt.

Nur wenige Berufsgruppen, wie psychotherapeutische und medizinische Fachkräfte, hatten damals Kontakt zu Betroffenen und Kenntnis über diese Gewaltform.

 

Im Zuge ihrer Untersuchung hat Frau Dr. Bosse über 1000 Vertragstherapeutinnen und -therapeuten in Rheinland-Pfalz befragt. In 12 Prozent der Fälle berichteten die Therapeutinnen und Therapeuten von ritualisierter Gewalt – insgesamt handelte es sich um 67 Fälle.

Dabei berichteten die Befragten auch von 16 Tötungsdelikten im Kontext mit ritualisierter Gewalt, die aber weder polizeilich noch staatsanwaltschaftlich bekannt wurden.

Dramatisch war auch das Ergebnis, dass etwa die Hälfte der überwiegend weiblichen 63 Opfer noch immer in Täterkontakt standen.

 

Es ist für uns sehr schwer zu begreifen, dass es ein solches Ausmaß an Macht und Menschenverachtung bei uns gibt. Eine Parallelwelt zu unserer so scheinbar freundlichen Alltagswelt.

Wir müssen aber hinschauen und unsere Unterstützungsangebote darauf ausrichten, sonst finden Betroffene keine Hilfe und sind dem Terror weiter ausgeliefert.

Auch die von mir geförderten Beratungseinrichtungen gegen Gewalt an Frauen – insbesondere die Frauennotrufe – berichten von traumatisierten Frauen.

Mit diesen Betroffenen haben die Mitarbeiterinnen mittlerweile viel Erfahrung in der Beratung und Behandlung.

Wenn sich die Betroffenen aber in mehrere Persönlichkeiten aufgespaltet haben, um die gewaltvolle Erfahrung zu überleben, sind die Fachfrauen vor sehr große Herausforderungen gestellt.

 

Auch therapeutische und juristische Fachleute kommen oft an die Grenzen ihrer professionellen Möglichkeiten, wenn es darum geht die Abhängigkeit vom Täter aufzulösen oder die Fälle rechtlich einzuordnen.

 

Besonders schwierig sind 3 Dinge:

  1. der Ausstieg der Opfer,

  2. eine passende sozialpädagogische oder therapeutische Unterstützung zu finden, und

  3. eine erfolgreiche Strafverfolgung der Täter.

 

Wir müssen zum Beispiel nur an die Situation vieler Vergewaltigungsopfer in Gerichtsprozessen denken:

Sie treffen oft auf Mythen und Vorurteile, die ihre Position schwächen.

Durch extreme Gewalt entstandene Gedächtnislücken können außerdem häufig von der Verteidigung genutzt werden, um die Glaubwürdigkeit des Täters und seine Darstellung aufzuwerten.

  • Bei unserem Thema verhält es sich ebenso:

Das Glaubwürdigkeitsproblem von Opfern ritualisierter Gewalt oder auch von sexuell missbrauchten Kindern vor Gericht ist ähnlich schwierig.

Um so wichtiger ist es, dass sich

  • Vertreterinnen und Vertreter der Polizei,

  • der Justiz,

  • der erziehenden und sozialen Berufe

  • sowie aus der Medizin und Psychotherapie

zusammensetzen und beraten, welche neuen Wege und vernetzten Angebote sich für Opfer extremster Gewalt eignen.

So geht es auch heute um gesetzliche Leistungen für Opfer extremster Gewalt, um neue Therapieansätze, um Empowerment der Opfer und wie ein Ausstieg und eine Trennung von den Tätern gelingen kann.

 

Es ist Frau Dr. Bosse zu verdanken, dass sie dieses "heiße Eisen" nicht losgelassen hat, sondern in einer zweiten Fachtagung mit der interdisziplinären Vernetzung und dem Austausch fortfährt.

 

Hierbei wird es auch darum gehen professionelle Vorurteile auszuräumen und sich für Sichtweisen und Einstellungsmuster zu öffnen, die dem ein oder anderen von Ihnen bislang vielleicht eher fremd waren.

 

 

"Wir sind Viele" – der Titel der Fachtagung – hat für mich noch eine andere Bedeutung, die Mut macht:

 

Damit sind möglicherweise nicht nur die multiplen Opfer gemeint, sondern vielleicht auch Sie, die zahlreichen Fachleute.

 

Sie sind die „Vielen“, die sich mit den anderen „Vielen“ immer weiter vernetzen und neue Wege beschreiten, um besser helfen zu können.

 

Wir sind Viele“ heißt also: Für die Opfer stehen viele Helfer bereit.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

ich danke Frau Dr. Bosse ganz herzlich für ihr großes Engagement und dafür, dass sie die Mühe auf sich genommen hat, eine zweite, hoch interessante Fachtagung zu dem Thema zu organisieren.

 

Ich halte diese Veranstaltung für einen wichtigen Meilenstein zur Bearbeitung der komplexen Fragestellungen zu Traumatisierungen.

Auch deshalb habe ich diese Fachtagung gerne finanziell unterstützt.

 

Ich wünsche der Veranstaltung viel Aufmerksamkeit und Erfolg.

Vielen Dank.

Kontakt

Dr. Brigitte Bosse

Lotharstraße 4

55116 Mainz

Tel.: 06131 234628

 

Oder nutzen Sie das Kontaktformular.

 

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III. Interdisziplinäre Traumafachtagung: Vorträge und weitere Informationen finden sie hier

 

 

 

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