Grußwort von Herrn Staatsminister Jochen Hartloff*

zur interdisziplinären Traumafachtagung

"Das hat mir die Sprache verschlagen"

am 5. März 2012 im Erbacher Hof, Mainz

 

 

Eminenz, sehr geehrter Herr Kardinal Lehmann,

sehr geehrte Frau Dr. Bosse,

sehr geehrte Damen und Herren Referenten des heutigen Tages,

sehr geehrte Damen und Herren Rechtsanwälte, Ärzte und Psychologen,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus der Richterschaft und von den Staatsanwaltschaften,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

ich möchte Sie hier in Mainz im Erbacher Hof zur interdisziplinären Traumafachtagung ganz herzlich begrüßen.

 

Sie werden sich heute mit Fragen der Psychotraumatologie befassen. Das ist ein weites Feld, und es ist auch einer der vielfältigen Berührungspunkte, die wir Juristen mit den Medizinern und Psychologen haben. Besonders wichtig ist mir, dass Sie für Ihre Tagung einen interdisziplinären Ansatz gewählt haben. Die gemeinsame Beratung und Diskussion von Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen und Fachrichtungen und die Einbringung oft ganz unterschiedlicher beruflicher Erfahrungen gewinnt eine immer größere Bedeutung. Gerade für einen sensiblen und verantwortungsvollen Umgang mit traumatisierten Menschen sind nachhaltige Verbesserungen nach meiner Überzeugung nur möglich, wenn wir das Wissen der verschiedenen Disziplinen nutzen und verknüpfen.

 

Täglich hören wir Nachrichten über Kriege, Terroranschläge, über Gewalt oder Naturkatastrophen - Geschehnisse, die unendliches menschliches Leid hervorrufen und sich tief in die Seelen der Menschen bohren.

Ein Teil unserer Bevölkerung hat zwei Weltkriege, hat Flucht und Vertreibung erlebt und erlitten; und wir wissen von psychotraumatischen Belastungsstörungen bei vielen Menschen, die auch Jahrzehnte nach den Ereignissen noch präsent sind und die seelische Gesundheit der Betroffenen sehr stark belasten. Wir wissen, dass die schlimmen Erinnerungen mitunter auch erst im Alter wieder auftreten und dass die Zeit allein eben nicht die Wunden heilt!

 

Täglich geschehen Gewaltverbrechen, und täglich gibt es die Katastrophen des täglichen Lebens: Suizid, plötzlicher Kindstod, Herzstillstand, Verkehrsunfall, Wohnungsbrand, Beziehungsdrama u.v.a. mehr. Ein Notruf geht ein: Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr, Notarzt, Notfallseelsorger warden alarmiert.

 

Ich denke, dass wir hier in Deutschland ein gut funktionierendes, arbeitsteiliges Krisenmanagement haben und professionell Erste Hilfe leisten können. Wie aber geht es nach der Ersten Hilfe weiter?

Sind wir als Juristen, als Rechtsanwälte, als Richter, oder als Staatsanwalt, sind Sie als Mediziner, Psychologe, Polizist, Bewährungshelfer oder Sozialarbeiter gerüstet, mit Opfern extremer Gewalt - seien es Kinder oder Erwachsene – angemessen umzugehen?

 

Heute werden aus einer multidisziplinären Perspektive heraus hervorragende Referentinnen und Referenten, Expertinnen und Experten über Auswirkungen unterschiedlichster Formen von Gewalt und über den Umgang mit Opfern und Tätern berichten und hoffentlich auch Lösungswege, sei es bei Verdachtsmomenten für eine schwere Traumatisierung, im Umgang mit den Medien oder in Bezug auf juristische Möglichkeiten des Opfer-, Gewalt- oder Zeugenschutzes, aufzeigen.

Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen ganz kurz den langen Weg darstelle, den Justiz und Rechtspolitik zurückgelegt haben, um die Bedeutung des Opferschutzes und insbesondere der Psychotraumatologie gerade für ihre Arbeit zu erkennen.

In den letzten zehn Jahren hat sich erfreulicherweise ein durchgreifender Bewusstseinswandel vollzogen. Früher war der Fokus der Justiz im Wesentlichen auf die Täterpersönlichkeit gerichtet. Die Opfer von Straftaten waren nur als Beweismittel zur Überführung des Täters von Bedeutung. Heute ist anerkannt, dass eine Justiz, die auch ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden will, dafür Sorge tragen muss, dass Opfer von Straftaten als Zeuginnen und Zeugen im Strafverfahren mit ihrer gesamten Persönlichkeit wahrgenommen werden.

 

Traumatisierte Menschen, die Opfer schwerer Straftaten wie beispielsweise eines sexuellen Missbrauchs oder einer Vergewaltigung geworden sind, brauchen hierbei die Unterstützung von uns allen:

Sie brauchen als rechtlichen Beistand Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die ihre

Rechte als Nebenkläger kompetent und wirkungsvoll wahrnehmen. Sie benötigen Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, die die bestehenden Vorschriften zum Schutz von Zeuginnen und Zeugen im Sinne des Opferschutzes anwenden. Auch die beste Nebenklagevertretung oder eine sensible und einfühlsame richterliche Verhandlungsführung reichen bei traumatisierten Opfern bei weitem nicht aus. Nach allen Erfahrungen brauchen gerade sie eine fachkundige sozialpädagogische oder psychosoziale Begleitung und Betreuung während des gesamten Ermittlungs- und Strafverfahrens.

Im Justizministerium wird derzeit der 1. Bericht der im Jahr 2009 eingerichteten und auch interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppe "FOKUS: Opferschutz" ausgewertet. In dem Bericht warden weitere Vorschläge zur Verbesserung des Opferschutzes gemacht, mit deren Umsetzung schon begonnen worden ist. Genannt wird beispielsweise das Instrument der Psychosozialen bzw. Sozialpädagogischen Prozessbegleitung insbesondere für traumatisierte Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Ich sehe in diesem Bereich ein großes Potenzial, um traumatisierte Zeuginnen und Zeugen "sicher" durch das Verfahren zu bringen und ihre sekundäre Viktimisierung zu vermeiden. Wichtig ist darüber hinaus auch der weitere Ausbau des Fort- und Weiterbildungsangebots für die in den Beratungsstellen tätigen Fachkräfte.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich wünsche Ihnen eine informative und spannende Veranstaltung mit vielen neuen interdisziplinären Erkenntnissen und Kontakten.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

* Es gilt das gesprochene Wort.



Kontakt

Dr. Brigitte Bosse

Lotharstraße 4

55116 Mainz

Tel.: 06131 234628

 

Oder nutzen Sie das Kontaktformular.

 

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III. Interdisziplinäre Traumafachtagung: Vorträge und weitere Informationen finden sie hier

 

 

 

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