Grußwort

Interdisziplinäre Trauma-Fachtagung „Das hat mir die Sprache verschlagen“

am 5. März 2012 im Erbacher Hof in Mainz



Die letzten Jahre waren in vielen Bereichen unserer Gesellschaft regelrecht durch die Entdeckung von gewalttätigen Verhältnissen gegenüber Kindern und Jugendlichen geprägt. Freilich gab es auch Gewalt in anderer Hinsicht. Es gab auch viel Gewaltanwendung unter den Jugendlichen selbst und nicht zuletzt auch gegenüber Mädchen und Frauen.

 

In der Zwischenzeit ist sicher vieles geschehen, um mehr Sensibilität zu wecken für das Thema, für die Opfer, für Fragen einer „Entschädigung“, aber auch in Richtung einer sehr umfassenden und weitgehenden Prävention. Unsere Kirche stand unter besonderer Beachtung der Öffentlichkeit. Dies galt nicht nur in unserem Land, sondern durch die Missbrauchsereignisse – vor allem auch von Priestern und Ordensangehörigen – in nicht wenigen Ländern. Der Papst selbst hat sich, besonders auch bei den Besuchen, immer wieder mit sehr klaren Worten gegen diese Verbrechen gewandt, und hat auch ganz bewusst, freilich ohne Öffentlichkeit, bei seinem Deutschlandbesuch im vergangenen Herbst eine Begegnung gehabt mit Missbrauchsopfern. Dies ist vergleichsweise in vielen Bistümern bei uns ähnlich geschehen. Wir haben früher schon eigene Missbrauchsbeauftragte eingesetzt, die hauptsächlich als Ansprechpartner gedacht sind. Sie sind in den allermeisten Bistümern unabhängig von der Bistumsleitung.

 

Wir haben bereits im Jahr 2002 „Leitlinien mit Erläuterungen zum Vorgehen bei Sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch ‚Geistliche’ im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ veröffentlicht (26. September 2002). Wir haben gleichzeitig neben einem internationalen Kongress im Vatikan Kontakt aufgenommen mit einer Reihe forensischer Psychiater in unserem Land, die auch zu einer gutachtlichen Tätigkeit bereit sind. Davon ist reichlich Gebrauch gemacht worden. Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir auch die eben genannten Richtlinien im Jahr 2010 überarbeitet („Leitlinien für den Umgang mit Sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“, 10. September 2010, vgl. die Kirchlichen Amtsblätter). Man hat uns auch in vieler Hinsicht bescheinigt, dass wohl kaum eine andere gesellschaftliche Großgruppe so grundlegend die Sache angepackt hat. Auf die schwierige Frage der finanziellen Entschädigung brauche ich hier nicht näher einzugehen, zumal auch der Runde Tisch unter der Leitung der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Dr. Bergmann allgemeine Vorschläge gemacht hat.

 

Ganz gewiss spielte von Anfang an die Wiedergutmachung und Gerechtigkeit für die Opfer eine entscheidende Rolle. Dies gilt für die Erkenntnis der Folgen des Missbrauchs in menschlicher und religiöser Hinsicht, für das Gespräch mit den Opfern und besonders auch für die Hilfen. In der Zwischenzeit, also seit 2002, ist uns der Blick auf die Opfer noch wichtiger geworden, wie aus der Neufassung der Richtlinien aus dem Jahre 2010 hervorgeht. In dieser Zeit ist die Sensibilität für die Opfer von Gewalt auch in anderen Kontexten größer geworden, sodass auch hier netzartig ein tieferes Bewusstsein der Verantwortung gewachsen ist (vgl. dafür z. B die Theologie von Prof. Dr. J. B. Metz). „Die Opfer werden in ihrer Entwicklung schwer geschädigt, bei ihnen und bei ihren Angehörigen wird großes Leid ausgelöst. Wenn ein Geistlicher sich an einem Kind oder Jugendlichen vergeht, verdunkelt er auch die christliche Botschaft und die Glaubwürdigkeit der Kirche und fügt der kirchlichen Gemeinschaft schweren Schaden zu.“ (Leitlinien 2010).

 

Wir sind uns bewusst, dass wir hier trotz aller Bemühungen am Anfang eines Neuanfangs stehen. Wir haben immer mehr die besonderen Schädigungen bei Kindern und Jugendlichen bis in das hohe Alter hinein festgestellt. Es war unverkennbar, dass viele Opfer für ein Leben lang geschädigt waren, besonders auch im Blick auf die Beziehungen, vor allem zum anderen Geschlecht sowie in Ehe und Familie. Manchmal konnten wir kaum begreifen, warum die Wunden so tief geschlagen wurden und warum sie so wenig heilen. Es ist davon ein heilsamer Schrecken ausgegangen. Insofern hat sich wirklich im Verhalten einiges geändert. Freilich müssen wir immer wieder auch mit der Aufdeckung von Vergehen rechnen.

 

Aber ich bin mir gewiss, dass es noch Aufgaben gibt, die wir noch nicht in Angriff genommen haben. Dazu gehört das Thema dieser Trauma-Fachtagung: Gewalt macht sprachlos. Die Gewalt hinterlässt Spuren im Gehirn. Viele Opfer sind nicht in der Lage, medizinische oder juristische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Bindung an die Täter ist sehr schwer zu lösen. Erst die Kenntnis dieser Strukturen macht uns manches verständlich. Darum ist es notwendig, dass wir über Fachgrenzen hinaus Kenntnisse über juristische, neurophysiologische und psychotraumatologische Aspekte von Gewalterfahrungen erhalten und vor allem auch mit Hilfe von Experten vertiefen.

 

Deshalb sind wir vom Bistum aus gerne zur Kooperation mit dem Trauma-Institut Mainz unter Leitung von Frau Dr. Brigitte Bosse bereit gewesen und unterstützen diese Fachtagung. Ich freue mich, dass sie in unserer Akademie stattfindet. Ich möchte Ihnen allen, besonders den Vortragenden und Verantwortlichen, sehr herzlich danken und wünsche Ihnen einen guten Verlauf sowie nachhaltigen Erfolg für alle in Ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich. Herzlichen Dank und in Gottes Segen alle guten Wünsche.



Karl Kardinal Lehmann, Mainz den 05.03.2012

Kontakt

Dr. Brigitte Bosse

Lotharstraße 4

55116 Mainz

Tel.: 06131 234628

 

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